FAZ 08.01.2026
07:25 Uhr

Wirtschaftsprognose: Das Geld für die Ukraine reicht  nicht aus


Auch wenn der Westen sich auf Sicherheitsgarantien für die Ukraine geeinigt hat, ist ein Waffenstillstand mit Russland in weiter Ferne. Die Wirtschaft der Ukraine ist noch für Jahre auf Finanzhilfen angewiesen.

Wirtschaftsprognose: Das Geld für die Ukraine reicht  nicht aus

Trotz aller Bemühungen der Europäer um einen Frieden, gibt es aus Moskau keine Signale der Gesprächsbereitschaft. Der russische Aggressor bombardiert die Ukraine mit unverminderter Intensität weiter. Für viele Beobachter ist die wirtschaftliche Entwicklung des angegriffenen Landes ein Wunder der Widerstandsfähigkeit. Denn trotz aller Schäden und Zerstörung könnte die Ukraine 2025 eine wichtige Marke überschritten haben: eine Wirtschaftsleistung von 200 Milliarden US-Dollar. Diese angestrebte Kennzahl wurde aufgrund von Krisen – sei es die globale Finanzkrise 2008, die russische Aggression 2014 oder die vollständige Invasion 2022 – bislang nicht erreicht. Aber auch wenn es auf dem Papier wie eine Erholung aussieht, befindet sich die ukrainische Wirtschaft nach wie vor in einem fragilen Zustand. Sie darf sich keine Fehler erlauben, denn die Widerstandsfähigkeit ist auf lange Sicht nicht garantiert. In einer kürzlich vom Centre for Economic Strategy (CES), einem in Kiew ansässigen Thinktank, organisierten Diskussion kamen neun führende Makroanalysten zusammen, um ihre Prognosen für das kommende Jahr für die ukrainische Wirtschaft auszutauschen. Der allgemeine Konsens war, dass der anfängliche Notfallmodus vorbei ist und sich die Ukraine nun in einer schwierigen Phase befindet. Die Situation ist von schleppendem Wachstum und hoher Unsicherheit geprägt. Während die weltweite Berichterstattung über die Ukraine von den diplomatischen Verhandlungen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Machthaber Wladimir Putin dominiert ist, die nach Wegen suchen, die Ukraine zum Nachgeben zu zwingen, sind die meisten Ukrainer davon mittlerweile unbeeindruckt. Es gibt keine objektiven Gründe zu der Annahme, dass Russland gewillt sei, die Aggression zu beenden. Alle Analysten gehen in ihrem Basisszenario davon aus, dass der Krieg 2026 andauern werde. Einer der Ökonomen rechnet mit einem alternativen Szenario, das einen Waffenstillstand zu Beginn dieses Jahres in Betracht zieht. Das auffälligste Merkmal der Prognosen für 2026 ist die enorme Unsicherheit. Die Medianprognose geht von einem moderaten realen Produktionswachstum von 2,4 Prozent im kommenden Jahr aus – nur geringfügig höher als für 2025 erwartet. Diese Variable hängt jedoch sehr von der angenommenen Entwicklung an der Front ab. Dragon Capital, eines der größten Finanz- und Investmentunternehmen der Ukraine, liefert die ernüchterndsten Zahlen, die das Ausmaß des entgangenen Wirtschaftswachstums verdeutlichen. Im Kriegsfall erwarten sie ein Wachstum von einem Prozent, und wenn in der ersten Hälfte des Jahres 2026 ein stabiler Waffenstillstand erreicht wird, prognostizieren sie ein Wachstum von 5 Prozent. Die Differenz entspricht der Friedensdividende. Die wahren Kosten der Verteidigung Die Kriegsausgaben Russlands sind ungefähr so hoch wie das gesamte ukrainische Bruttoinlandsprodukt (BIP). Da kann die Ukraine alleine nicht gegenhalten. Ausländische Hilfe, militärischer Einfallsreichtum und eine starke Moral gleichen die fehlenden finanziellen Ressourcen teilweise aus. Dennoch ist die chronische Unterfinanzierung keine geeignete Strategie zur Abschreckung Russlands, geschweige denn, dass sie zu dessen Niederlage führen kann. Die ukrainischen Ökonomen gehen für 2026 davon aus, dass ihr Land eine externe Finanzierung von rund 45 Milliarden Dollar und internationale Finanzhilfen von rund 39 Milliarden Dollar benötigt, um den Haushalt ausgleichen und den Schuldendienst decken zu können. Zu bedenken ist, dass sich diese Zahlen weitgehend aus dem Haushaltsplan der Regierung ableiten. Diese plant anhand des Status-quo-Bedarfs und ihrer Erwartungen hinsichtlich der künftigen finanziellen Unterstützung durch die internationalen Partner (derzeit hauptsächlich Europa). Der tatsächliche Bedarf hängt aber von den strategischen Zielen des Krieges ab. Bislang gelang es mit den vorhandenen Mitteln nicht, Russland zu besiegen. So werden laut Schätzungen des Centre for Economic Strategy im Haushalt der Ukraine für 2026 die Kriegsausgaben in diesem Jahr um mindestens 13 Prozent unterfinanziert sein. Dies wird höchstwahrscheinlich Mitte des Jahres eine Revision und die Suche nach weiteren Ressourcen erforderlich machen. Die Zusage der EU, der Ukraine einen Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro zu gewähren, ist zwar ein positives Signal für die makrofinanzielle Stabilität für die kommenden zwei Jahre, doch der fehlende Konsens über die Verwendung russischer Vermögenswerte hat eine strategische Schwachstelle und ein Problem des kollektiven Handelns offenbart: Wenn individuelle Anstrengungen kostspielig sind und die Vorteile (gemeinsame Sicherheit) geteilt werden, führt das zu ungleicher Lastenverteilung. Letztendlich ist es viel kostspieliger, einen Verteidigungskrieg zu führen, als ihn nur zu finanzieren. Dank der Reform der Zentralbank und einer umfassenden Umstrukturierung des Bankensektors in den zehn Jahren vor der vollständigen Invasion Russlands konnte die Ukraine den Inflationsschock abfedern und die Teuerung stabilisieren. Ende 2025 wird eine Inflationsrate von etwa 9 Prozent erwartet. Angesichts der straffen Geldpolitik gehen private Finanzanalysten davon aus, dass die Inflation 2026 sinken und bis zum Jahresende 6,6 Prozent erreichen wird. Diese Prognosen stimmen mit denen der Zentralbank überein, die davon ausgeht, dass das Inflationsziel 2027 erreicht wird. Die Analysen bestätigen, dass die Ukraine die Kunst des taktischen wirtschaftlichen Überlebens beherrscht und es geschafft hat, sich zu stabilisieren. Aber „sich über Wasser zu halten” ist keine Strategie für langfristigen Erfolg in Europa. Für einen stabilen Frieden muss entweder die Ukraine gewinnen oder Russland verlieren. Beides zu erreichen ist kostspielig. Aber ein Mittelweg schafft Raum für Autokraten, sich mehr zu nehmen. Und der langfristige Verlust internationaler Sicherheit kostet noch viel mehr.